Der Abgrund als täglicher Kram

Vielleicht irre ich mich, aber es fehlt dem deutschen Feuilleton an Persönlichkeiten. Vor einigen Jahren sind zwei gestorben, Marcel Reich-Ranicki und Fritz J. Raddatz. Aber auch diese beiden stehen im Schatten der großen Weimarer Literaten. Unter diesen stechen Kurt Tucholsky und Erich Kästner als Feuilletonisten hervor. Ihre Haltung kann an einem Gedankenspiel Harald Schmidts deutlich gemacht werden: Man kann die Menschheit in zwei Teile trennen, wenn man ihr einen Hungernden vorsetzt und nur beobachtet, was jeder tue. Einmal gibt es die Theoretiker. Diese setzen sich neben den Miserablen, legen ihm vielleicht eine Jacke um. Und dann erklären sie ihm, weshalb der Arme zu hungern habe. Nun weiß er’s, soll er doch auf die Straße gehen. Zum anderen gibt es die Moralisten, meist Zyniker dem Charakter nach. Diese setzen sich nicht neben den Hungernden, sie bleiben erst gar nicht bei ihm. Sie laufen los und kehren zurück mit einem Teller heißer Suppe. Sie beugen sich herunter und geben dem Hungernden ein wenig zu essen. Wohlwissend, dass damit die Welt in ihrem Lauf nicht aus der Bahn geworfen wird.

Erich Kästner und Kurt Tucholsky waren Moralisten. Nur so konnten sie an dieser Welt noch etwas zu lachen finden. Kästner schrieb einmal über den anderen: »– ein kleiner dicker Berliner wollte mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten.« Der Moralist steht wie der Theologe vor dem Rätsel des

Leidens unter den Menschen. Hieraufhin hat sich Leibniz zu der Grausamkeit hinreißen lassen zu meinen, unsere müsse noch die bestmögliche aller Welten sein. Das will der Moralist nicht einsehen. Ja, er geht so weit, dass es ihm lieber die schlechteste aller Welten wäre – und damit verbesserbar –, als hinnehmen zu müssen, dass es besser nicht werde. Wäre diese Welt die schlechteste, es wäre erlaubt, aufzumucken und zu buckeln. Das ist der Trost des Moralisten. Er macht das Leben erträglicher, ohne billig zu unterhalten und rügt, ohne zu verletzen. Kästner, nochmal: »Satiriker sind Idealisten. Im verstecktesten Winkel ihres Herzens blüht schüchtern und trotz allem Unfug der Welt die törichte, unsinnige Hoffnung, dass die Menschen vielleicht doch ein wenig, ein ganz klein wenig besser werden könnten, wenn man sie oft genug beschimpft, bittet, beleidigt und auslacht.« Dem Schimpfen und Treten überdrüssig beweist es Kästners Größe, dass er Kinderbücher schrieb. Talent ist bloß, was man sich als Erwachsener sich nicht mehr aneignen kann. Menschlichkeit ist ein Talent. Wer die Menschheit zum Guten treiben will, der fängt beim Treibhaus an.

1 Kommentar

  1. Klaus

    Recht hast Du….es fehlt an großen! Feuilltonisten

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die Kolumne von

Moritz

Autor| Freiburg

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