lettre #001 edition: neu anfangen mit Felix & Jan

Lettre

Written by Jan & Felix

Mai 17, 2020

Willkommen zum Newsletter von kollektiv individualimus!

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Bonjour everyone!

Schön, dass Sie dabei sind! Wir versenden ab jetzt monatlich einen Newsletter zu einem Thema und etwas Musik. Ein paar schöne, wilde oder schön-wilde Zeilen, etwas zum Nachdenken, etwas zum Nachhören, etwas zum Lachen oder Weinen. Wir bleiben bei unserem alten Credo: Entspannen Sie dort, wo Gegensätze schöne Beobachtungen treffen. Wir spielen hier Ping Pong mit Ideen und Musik. As always: Ohne Werbung. Endlich ergibt alles keinen Sinn. Viel Vergnügen!

Schwerpunkt.

Wie fängt man neu an? Bevor wir physisch voneinander distanziert wurden, hatten wir, bei einem unserer vielen gemeinsamen Abende, die Idee eines Newsletters. Ein kleiner Neustart für unseren Blog, ein neues Gewand und neue Ideen im Zentrum des Geschehens. Für gewöhnlich nehmen wir uns ein weißes, leeres Blatt Papier und beginnen einfach mal zu skizzieren. Der erste Schritt war einfach das Gefühl oder sagen wir die Einsicht in die Notwendigkeit eines neuen großen Schritts. Et voilà, here we are. neu anfangen. Unsere erste Ausgabe von lettre wird versendet.

Okay, zugegebenermaßen wussten wir nicht, dass wir bald nicht mehr zusammensitzen sollten. Wie fragil ist bitte „Normalität“? Einerseits machte das den Neuanfang nicht unbedingt einfacher. Und auf der anderen Seite finden wir nun optimale Witterungsbedingungen vor, um zu starten. In dieser Zeit finden wir, bleibt nichts, wie es war. Fast alle erleben die Zeit gerade wie in einem Film. Ein Gefühl unwirklicher Wirklichkeit irgendwie. Plötzlich haben wir eine Krise, vor der sich alle fürchten, auch die Bornierten und nicht, wie bei der Klimakrise, die Vorausschauenden.

Wir lernen viel über die moderne Gesellschaft. Um Armin Nassehi mit Adorno zu zitieren: Es gibt keinen Ort außerhalb des Getriebes. Weder theoretisch noch empirisch. Das ist nicht neu, aber selten so sichtbar wie jetzt. Ist die Pandemie also eine Art Sehhilfe? Wir sehen plötzlich soziale Ungleichheit, globale Abhängigkeiten und neuen Nationalismus. Wir verstehen: Kurven, die nach unten gehen, können Hoffnung geben, fallende Zahlen sind auf einmal Zuversicht. Expansion ist kein Wert an sich, Entschleunigung kann die Sicherheit erhöhen und es kommt auf das Menschliche an, auf Solidarität und Kooperation, unbezahlte oder unterbezahlte Arbeit, überwiegend von Frauen, und emotionale Intelligenz. Wenn wir über den Atlantik schauen, sehen wir mit aller Deutlichkeit (und George Packer brachte das sauber auf den Punkt), dass Dummheit und Ungerechtigkeit lebensgefährlich sind, dass die Alternative zur Solidarität womöglich nur der Tod ist.

Wir lernen viel über uns selbst. Dauernder Sonntag. Zuhause bleiben. Über unsere Ungeduld. Über unser menschliches Bedürfnis nach Kopräsenz. Über Einsamkeit als Freiheit. Über einen Moment der Selbstkalibrierung. Wir begegnen unserem Selbst. Das sollten wir uns erhalten: innehalten, erneuern und wo möglich neu anfangen.

Wir dürften uns alle in letzter Zeit mit Kontemplation (ϑεωρία) beschäftigt haben, mit philosophischen Gedanken, Sinnfragen. Plötzliche Klarheit im Kopf vieler, obwohl wir als Gesellschaft im Nebel der unsichtbaren Bedrohung nur auf Sicht fahren können und sollten. Tage, an denen wir nichts kaufen. Der Himmel frei von Flugzeugen. Straßen für Radfahrer allein. Das kann man genießen. Wir müssen aber auch über die Schwierigkeiten der Isolation für viele weniger privilegierte Menschen sprechen. Endlich eine Auszeit vom stressigen Alltag in einer hyperglobalisierten Welt? Die Freude über Verzicht muss man sich auch leisten können. Meinen Balkon, die große Küche der WG und mein eigenes Zimmer als Rückzugsraum, das ist schon alles auch ein kleines bisschen Luxus. Die Corona Krise trifft viele hart, manche besonders heftig, aber es jammern vor allem – so wirkt es – die Homeoffice Beglückten. Andere wiederum entwickeln Verschwörungstheorien – eine Form mit Angst, Komplexität und Unsicherheit umzugehen, eine verständliche, aber gefährliche Art neu anzufangen. Machen wir uns nichts vor, nichts wird so sein wie zuvor. Ein seriöses Versprechen, dass alles so sein wird wie zuvor ist schwer vorstellbar und schlichtweg naiv.

Aber ein nachhaltiger Neuanfang, warum nicht? Die Maßnahmen waren wohl größtenteils alternativlos, aber die Rückkehr zu den genau gleichen, alten Krisen der Normalität ist es nicht. Vielleicht ist sie sogar unmöglich. Das Fenster steht sperrangelweit offen und eine sanfte Brise weht. Wir sollten neu anfangen. Alle gemeinsam.

Auf bald!

Jan & Felix

Musik. N°1

Musikalisch wollen wir anfangen mit einem Künstler, der es geschafft hat, einen Platz für (im weitesten Sinne) Klaviermusik in unserem Zeitgeist zu finden. Nils Frahm wird geschätzt von Liebhabern klassisch klassischer Musik, von Musikredakteuren bis hin zu Ravern (spätestens seit er mit DJ Koze am Soundtrack für den Film Victoria gebastelt hat). Im Funkhaus in Berlin durfte er sich sein Studio einrichten, auf Konzerten rennt er von einem Klavier zum nächsten und dreht an zahllosen Reglern herum. Er ist einer dieser verdammt coolen und liebenswerten Nerds.

Wir wollen zwei Stücke hintereinander hören:
In my friend the forest einer grandios puristischen Aufnahme bringt uns Frahm alles von seinem Piano direkt ans Ohr. Jedes Pedal, jede Stahlseite, Dämpfer, Gehäuse, Hämmer und Federn. Wir sind ganz zurückgeworfen auf das Wesentliche.
In sunson bleibt vom klassischen Klavier nicht mehr viel übrig, doch dieses Stück steht exemplarisch für das, was ihn ausmacht: Er schafft es, wilde Geschichten zu erzählen, die absolut in unsere Zeit passen. Geschichten kann die alte Klaviermusik auch. Nur die verstehen wir jungen Menschen oft (noch) nicht so ganz.

Das Internet.

Im Internet kann man nach wie vor unsere Website besuchen. Auch da haben wir ein wenig neu angefangen. Es wird ruhiger und lebendiger en même temps. Sie können unseren Dauerbrenner Soundtrack der Woche (kurz: SdW) hören, handverlesene Playlisten genießen und einfach eine Weile abhängen, wenn Ihnen danach ist.
 
„Soziale“ Netzwerke.

Wir verabschieden uns bald still und heimlich von unseren Social Media Accounts (Zugegeben, viel Aktivität war dort auch nicht zu verzeichnen). Wir wünschen uns eine bewusstere Auseinandersetzung mit den Dingen. Facebook und Instagram werden begraben. Wir setzen auf Sie und den Newsletter. Hoffentlich setzen wir aufs richtige Pferd!

Musik. N°2

Wie hören Sie eigentlich Ihre Musik? Spotify-Nutzern dürfte gegebenenfalls das Medium selbst einstweilend überfordern. So geht das zumindest mir phasenweise. Wenn die eigene Musikwelt nur noch aus einzelnen Tracks von Millionen – Pardon x-beliebiger – Künstler oder Künstlerinnen besteht. Alles verfügbar – nichts genießbar. Wann haben Sie das letzte Mal ein Album gehört? Einfach so von Anfang bis Ende, wie Papa. „Das ist ja eine Zumutung!“, werden Sie sich denken, aber hören Sie sich das ganze Album an! (Das geht besonders einfach mit CD’s oder Platten.)

Ein super Album, um diesen Genuss zu praktizieren, ist das neue Czenias von Nicolas Jaar, meinem absoluten Lieblingskünstler. Ich möchte jetzt nicht zu viel verraten, aber Sie werden nicht enttäuscht sein. Czenias heißt auf Spanisch Asche. Ein Symbol für Niedergang und Neuanfang gleichermaßen. Nicolas Jaar schafft ein Album mit ausnahmslos eigenartig andersartigen Tracks, was deren einzige Gemeinsamkeit darstellt und als eine Art Roadshow zu all den Grenzbereichen elektronischer experimenteller Musik verstanden werden kann. Einzig das letzte Stück klingt nach seinem unübertroffenem Debütalbum Space is only noise. Sie merken, der Mann hat auch ein Händchen für Titel. [Wer gleich einen Zoomcall hat und verdichtet konsumieren will, der darf etwas tricksen: Garden – Xerox – Faith Made of Silk (in dieser Reihenfolge)]

Musik. N°3

Weiter geht’s mit Isolation Berlin, die, neben der ebenso fantastischen Band Die Nerven, so ziemlich beste deutsche Rockband.
Inhaltlich bewegen sich die Jungs aus Berlin (surprise!) zwischen Hoffnungslosigkeit und romantischer Sehnsucht nach Sinn im Großstadtdschungel. Das klingt jetzt alles etwas Trüb, ist es vielleicht auch, doch sie treffen einen Nerv bei mir. Es ist die Ambivalenz zwischen der wilden, aufregenden, grenzenlos großen Stadt und der Anonymität und Gleichgültigkeit, der Ignoranz und des so schnell Vergänglichen, das uns doch alle irgendwie fasziniert und anwidert zugleich.

Ist es alternativlos oder fehlt einem nur der Mut, etwas Anderes zu probieren? Stadtflucht, ist das ein Ding? Für Isolation Berlin scheint der Zug zum Neuanfang abgefahren, ach eigentlich hält er hier gar nicht. „[Versunken] in der Isolation Berlin“ besingen Sie stattdessen ihre von der Großstadt zermürbten Seelen. Herrlich!

Ist es alternativlos oder fehlt einem nur der Mut, etwas Anderes zu probieren? Stadtflucht, ist das ein Ding? Für Isolation Berlin scheint der Zug zum Neuanfang abgefahren, ach eigentlich hält er hier gar nicht. „[Versunken] in der Isolation Berlin“ besingen Sie stattdessen ihre von der Großstadt zermürbten Seelen. Herrlich!

Musik N°4

Wenn ich mich an diesen Ort in Paris träumen will, dann höre ich Diane von Paul Bley und Chet Baker. Und im Angesicht der Coronazeit auch gemeinsam allein oder Alone Together von Chet Baker. Stark.

The end.

Das war unser erster Newsletter. Wir hoffen, es hat Ihnen geschmeckt. Wir freuen uns über Feedback, etwaiges Weiterempfehlen und auch über neue Abonnements. Wie es so schön heißt: Subscribe now. Die Email zum lettre heißt: newsletter@kollektivindividualismus.de. Bleiben Sie uns gewogen.

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SdW #211 Mammal Hands – Kandaiki

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