lettre #002 edition: Stadtflucht mit Felix & Jan

lettre #002 edition: Stadtflucht mit Felix & Jan

lettre #002 edition: Stadtflucht mit Felix & Jan

Written by Jan & Felix

Juni 28, 2020

Willkommen zum Newsletter von kollektiv individualimus!

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Bonjour!

Weiter geht’s mit Nummer zwei. Ein Thema und etwas Musik, das hatten wir uns vorgenommen für unseren monatlichen Newsletter. Die erste Ausgabe gab es im Mai, als wir alle schwer beeindruckt von Corona, langsam etwas aufatmen konnten, und wir haben übers neu anfangen geschrieben. Wir sind nach wie vor gespannt von Ihnen zu hören, ob es gefallen hat. Danke für alle Rückmeldungen, die wir schon erhalten haben, das freut uns sehr.

Wir sind ja alle schrecklich geplagt und genervt von dieser Zumutung namens Corona (oder?), also relaxen wir an dieser Front ein wenig und versuchen eine möglichst Corona-freie Ausgabe zu kreieren. Blicken wir nun gemeinsam auf ein ganz eigentümliches Verhältnis, das wir alle kennen, nämlich wie wir, wo wohnen und wohin wir fliehen, wenn uns alles zu viel wird. Wir senden diese zweite Ausgabe von lettre mit dem Titel Stadtflucht. Voilà. Gute Musik ist natürlich auch dabei (weiter unten und in der Playlist zum Newsletter) Viel Vergnügen!

Schwerpunkt.

Wir zwei Autoren dieses Newsletters haben die Hochphase der Corona Krise in völlig unterschiedlichen Wohnsituationen erlebt. Der eine blieb in seiner WG in Berlin, der andere floh aus der Stadt und verbrachte die Tage mehr oder weniger auf dem Land, ein paar Kilometer vor den Toren Hamburgs. Nicht zu den eigenen Eltern, aber das haben auch viele unserer Freunde getan – alle in ihren Mittzwanzigern und betont erwachsen ansonsten. Wir stellten uns also ganz bewusst die Frage, wo wir mit wem eine vermutlich einzigartige Zeit verbringen wollten. Wohnort und Wohnart spielten dabei sicherlich eine entscheidende Rolle, weil sie plötzlich so sehr an Relevanz gewonnen haben.

Auf einmal mussten wir wirklich Zuhause zu Hause sein und dort “wohnen”. Auf einmal fand dort der Großteil unseres Lebens statt und nicht, wie sonst, außerhalb davon. Können Sie sich das eigentlich vorstellen? Früher verbrachten Generationen einen Großteil ihres Lebens Zuhause. Heute ist das für viele ein schwer zu ertragender Ausnahmezustand. Die Coronapandemie hat den modernen Nomaden (uns) zur Immobilität verdammt. Was macht das mit uns? Was ist uns wichtig? Wie wollen wir, wo wirklich wohnen? Zwangsweise haben wir uns intensiver mit der Frage auseinandergesetzt. Je länger wir darüber nachdenken, desto mehr verlaufen wir uns in einem Labyrinth an Gedankenspielen und -experimenten. Wir wollen versuchen dies ein wenig zu strukturieren und unser Ideen-Ping-Pong in drei Sätzen zu spielen: Stadt-Land-Flucht.

Musik N°1

Ein Freund hat mir mal gesagt, Lisbon, OH von Bon Iver sei der perfekte erste Song für fast jedes Mixtape. Recht hat er! Er ist eine Art Einkehrkatalysator, der pep talk einer jeden Playlist. Die Sirenen, die Blipps und das Piepsen, die schrägen Akkorde zu Beginn haben etwas mechanisches, synthetisches und fesselndes. Mit einem Akkord wird dieses Korsett zum genau richtigen Zeitpunkt aufgelöst. Eine unglaubliche Befriedigung. Der Hörer wird sich nun mit einer angemessenen Einstellung ihrem Mixtape wenden. Glauben Sie mir!

Aber weiter zu dem Herrn, um den es hier eigentlich gehen soll, Justin Vernon, formally known as Bon Iver. Wir gehen mal davon aus, dass es an dieser Stelle keiner weiteren Vorstellung bedarf. Was aber einige nicht wissen mögen: Justin Vernon kommt aus der tiefen Provinz Wisconsins und lebt bis heute in der kleinen und ruhigen Stadt Eau Claire, was ihn für diesen lettre so interessant macht. Er hat sich ganz bewusst und trotz steigender Instagram-Follower-Zahlen gegen die eigene ‚Urbanisierung‘ entschieden. Darüber hinaus versucht Vernon seinen Erfolg zu nutzen, um dem Städtchen etwas zurückzugeben: Er kuratiert ein Festival in der Stadt, lässt die Größen der Branche bei ihm im Studio antanzen, schenkt dem grandiosen Film Give Me Liberty einen Soundtrack und versucht Künstler und Kulturschaffende in der Region unter die Arme zu greifen. Pitchfork hat ihn letzten Jahr auch besucht und eine schöne Geschichte dazu aufgeschrieben. Kultur und Stadtflucht, das passt vielleicht also doch zusammen – wie beruhigend.

Lisbon,OH wollen wir nun auch nutzen, um ein klitzekleines Miniatur Bon Iver Mixtape einzuleiten. Gefolgt wird er von Minnesota, WI, Skinny Love, und 33”GOD”. Eine kleine Reise durch die musikalische Welt des Bon Iver. Eine kleine Hommage an den Gott des Vocoders und den, für uns, wohl größten Popkünstler unserer Zeit.

STADT.

Städte sind ja etwas absolut Faszinierendes. 77 % der Deutschen leben in Städten. Städte leben mit dem Paradox, dass man dort nie alleine ist und sich doch oft alleine fühlt, wie es schön auf zeit.de geschrieben wurde.

Abstraktion: verdichtete Unterschiedlichkeit als Einheit. Ein total widersprüchliches Konglomerat von unterschiedlichsten Akteuren und Funktionen, auf engstem Raum miteinander verbunden und aufeinander angewiesen. Ein buntes Potpourri. Wir beobachten lauter unmögliche Dinge (fehlender Breitbandausbau, kaputte Schulen und Fahrradwege, Stau, Straßen voller Blechlawinen, vermüllte Parks, Kriminalität, schleppende Energiewende usw.), die in konkreten Räumen a.k.a. Nachbarschaften plötzlich möglich werden. Das heißt, eigentlich ist die Stadt von heute ein Transformationslabor: Makrostrukturen der Gesellschaft, die im Mikrokosmos Stadt irgendwie funktionieren müssen. Wir müssen es miteinander aushalten und so organisiert sich das Stadtleben. Ab einem gewissen Level von Unordnung entsteht Ordnung im System (Kybernetiker sagen “order from noise”). Umgekehrt ermöglicht Ordnung auch ein Level an Unordnung: Wir können friedlich miteinander leben in der Stadt. Nur weil wir eine ordnende Struktur haben, die uns Halt gibt, können wir so viel Unterschiedlichkeit an politischen Einstellungen, Menschen, Religionen, sexuelle Orientierungen usw. ausleben. 

Stadtleben in Paris, 2018

Konkretion: Wenn die Stadt Probleme lösen kann, dann bedeutet das: Vergesst die UN, vergesst Trump und andere skrupellosen Stimmungsmacher – sie werden eure Probleme nicht lösen. Geht auf die Straße und macht was! Fordert Klimagerechtigkeit, kämpft gegen Rassismus, Gleichberechtigung und Solidarität. Städte werden Wandel treiben.

Woche für Woche tauchen wir in diese wundervolle Welt ein, die uns die Stadt vor die Füße wirft. Wir schwitzen in kleinen Konzerthallen, sitzen in renommierten Theatern und hippen Programmkinos oder essen uns an einem Tag dreimal um die Welt. Wir genießen das alles, sagen wir, manchmal verlieren wir sogar den Sinn dafür, wie viel Kultur wir konsumieren (ja, konsumieren ist hier oft das richtige Wort, aber das ist ein ganz anderer Newsletter). 

Ein spannender Gedanke, der auch im oben verlinkten Artikel aufgegriffen wird: “Freizeit wird verbracht. Die Menschen konsumieren die Stadt, ganz so, wie sie einander konsumieren.”

Musik N°2

Als ich mir mit meiner Freundin den wunderbaren Film Caro Diario von Nanni Moretti (1993) ansah und selbiger mit seiner Vespa durch ein menschenleeres Rom fährt, viel mir im sowieso gelungenen Soundtrack ein Song sofort auf, den ich aus meiner Kindheit kannte: Batonga von der beninisch-französischen Sängerin Angélique Kidjo. Auch wenn ich damals nicht wusste, was gesungen wird (ist ja oft der Fall), liebte ich diesen Song und prägte mir das Cover vom Album Logozo ein. Batonga erinnert mich unweigerlich an die potente HiFi-Anlage im damaligen Wohnzimmer und das Tanzen auf dem dicken roten Teppich als Kids. Der Song ist so cool, lässig und treibend. Sehr zu empfehlen.

Gleiches gilt übrigens für Caro Diario, einen Film, der eine Reise der Selbstentdeckung ist. Worum geht es? Zuerst fragte ich mich, ob es überhaupt um etwas ging. Denn zunächst einmal scheinen es drei Filme in einem zu sein. Wir streifen mit Moretti (und seiner Vespa) durch die heißen Straßen Roms und er weigert sich viel Schönes in dieser schönsten aller Städte zu finden. Dann fliehen wir aus der Stadt, besuchen die winzigen Inseln vor Kalabrien und versäumt es, viel Gelassenheit zu finden, obwohl der Ort nur so danach schreit. Im dritten Teil wird es dann nochmal komisch ernst um die Absurdität unseres Lebens gehen. Oft scheint sich der Filmemacher auf einer Reise ohne Ziel zu befinden. Sympathisch.

Moretti in Rom, 1993

Da gibt es eine Szene im Film, wo die Erzählung wegfällt und wir Moretti zu dem Ort außerhalb Roms folgen, an dem der Dichter und Filmregisseur Pier Paolo Pasolini im November 1975 ermordet wurde. Hinter der Vespa gefilmte, sehr minimalistische Aufnahmen, zu einer rauschhaften Improvisation von Keith Jarrett geschnitten. Ein Moment aus Licht, Bewegung, Rhythmus, flimmernden Formen und Stille. The Köln Concert und das erfolgreichste Solo-Jazz-Album ever. 

LAND.

Wir sehnen wir uns nach der Ruhe des Dorfes, wir wollen draußen sein und nicht in Wohnungen eingesperrt, wir wollen in den Wald gehen und nicht in dröge Stadtparks, unsere Zeit nicht an Ampeln verschwenden. Oder merken nun auch wir, die wir uns so oft als hyper dynamische, anpassungsfähige und niemals-zur-Ruhe-kommende Digital Natives und Globetrotter verstehen, dass sich auch uns die Welt in der Stadt zunehmend zu schnell dreht?

Eine Kapitulation, also? Vielleicht mehr ein Streben nach dem Ursprünglichen, eine Sehnsucht nach der Schönheit des Einfachen in gewisser Weise. Ein Entfliehen der städtischen Anonymität auf der Suche nach einem Ort, an dem man tatsächlich wohnt, statt dort nur zu verweilen.

Wir fangen an zu hinterfragen, ob die Stadt denn wirklich die einzig denkbare Lebensrealität für uns ist. Für viele von uns scheint das Dorf wie eine Art apokalyptische Lebens-Endhaltestelle. Dort wohnen Spießer oder solche, die es insgeheim mal werden wollen. Jenseits dieser Vorurteile kann man auf dem Dorf aber schnell mal aufs Rad steigen und losfahren oder einfach mal in den See springen, der direkt um die Ecke liegt. Man kann mal laiut sein, weil der nächste Nachbar nicht hinter der Wohnzimmerwand sitzt oder man kann in Hofläden bio und regional shoppen gehen. Mit ein wenig Kreativität lassen sich sogar ziemlich viele Stadt Features auf das Landleben übertragen, am besten, ohne dabei die ganzen Bugs gleich mitzunehmen.

Landleben in Frankreich, 2020

Musik N°3

Wer uns schon länger folgt sollte ihn kennen, den Soundtrack der Woche. Seit 2016 suchen wir 52,1429 mal pro Jahr (mal 52, mal 53!) einen besonders hörenswerten, hippen oder interessanten Track aus und teilen ihn. Wir sind überzeugt, so entsteht ein wilder wunderbarer Mix. Gewissermaßen bildet die Playlist aller SdW eine schöne Übersicht an Lieblingsmusik. Wir geben zu, aktuell schaffen wir es nicht immer wöchentlich zu liefern, aber wir arbeiten dran. Kürzlich war die belgische Powerfrau Angèle unser SdW. Warum sie beeindruckt, obwohl es eigentlich so gar nicht Felix Musik ist, lesen Sie am besten hier nach. Angèle’s Musik ist klug, poppig, ein bisschen traurig und gleichzeitig ein bisschen tanzbar und stehen somit doch sehr für unsere Zeit. 

Stadtflucht: Felix im Burgund, 2020

FLUCHT.

Und jetzt? Koffer packen, Möbel abbauen und los? Hat die Stadt ausgedient oder ist die Landlust, jene Sehnsucht der Städter, durch etwas anderes getrieben? Ein unterschwelliges Streben nach Komplexitätsreduktion und dem Einfachen? Vielleicht einfach eine mögliche Antwort auf die Suche nach dem guten Leben?

Ja, wären wir denn überhaupt fähig, auf dem Land zu wohnen? Montags wissen, was man Donnerstag Essen will, damit man Mittwoch nicht noch einmal zum Supermarkt ins nächste Dorf düsen muss. Machen wir uns nichts vor. Zwar wollen nahezu die Hälfte, der in Umfragen Befragten gerne aufs Land ziehen und die beschworene Stadtflucht war schon in der Schule ein mega Aufsatzthema, doch die wenigsten landen auch dort. Traumhaft ja, aber bitte nur für ein Wochenende: Heuduft und zur Ruhe kommen. 

Stattdessen eher eine kurze Flucht und dann ein Stück Natur in die Stadt bringen: Monstera oder stattlicher Dachgarten. Wir (jungen Menschen) genießen die Vielfalt der Stadt – unser höchstes Gut, Ausgangspunkt für unsere enorme Mobilität, der Nährboden unserer Kultur, unseres Seins oder für Spielereien wie diesen Newsletter. Wäre es nicht etwas naiv, vielleicht sogar fatal, das alles einfach über Bord zu werfen? Ruhe, einem bekannte Nachbarn, Dorf-Gossip,(teils bizarres) Brauchtum, Freizeit ohne etwas zu bezahlen. Zumindest würde es den Mut zum Risiko erfordern, enttäuscht zu werden und Verzicht zu üben. Wirklich? Die Frage könnte ja auch lauten, ob jene Vielfalt unausweichlich an das urbane Getümmel gebunden ist. Und, können wir unseren Sehnsüchten, den wirklich wichtigen Dingen, nicht sowieso unabhängig vom Ort nachgehen? 

Wohin geht es als Nächstes und wie geht es weiter? Das vermögen wir nicht zu prognostizieren, aber drüber Nachdenken macht Spaß und letztlich sind wir ja auch diejenigen, die Stadt-Land-Flucht gestalten. Setzen wir uns in Bewegung! Gestalten wir. Die Coronapandemie wird voraussichtlich unsere Städte nachhaltig umkrempeln und auch unser hohes Mobilitätspensum verändern. Und vielleicht zieht es uns ja langfristig doch raus aufs Land. Darauf ein kaltes Getränk!

Zum Wohl!   

Jan & Felix

Musik N°4

Dieser Song darf in einem solchen lettre natürlich nicht fehlen! Die Höchste Eisenbahn sind wundervolle Geschichtenerzähler. Poetische, oft melodramatische Texte, herrliche Bilder, viel Kitsch aber clever verpackt und umso schöner erzählt. 

In Raus aufs Land geht es eigentlich um Kai und wie Kai die Freundin klaut. Aber legt man Kai mal beiseite wird hier die Geschichte einer gescheiterten Stadtflucht erzählt.

    Und hier gibt es keine Busse
    Und die Landluft macht uns so frei
    Und ich liebe Autofahren
    Und du liebst inzwischen Kai

    Ist es das was du immer wolltest, was dir immer so stank?
    In unserer Zwei-Zimmerwohnung, meintest du das mit raus aufs Land?

 
Da ist er wieder, dieser Zwiespalt.

The end.

Das war unser zweiter Newsletter. Wir hoffen, es hat Ihnen gefallen. Wir freuen uns über Feedback, etwaiges Weiterempfehlen und auch über neue Abonnements. Tatsächlich wird sonst niemand von diesem Newsletter erfahren, da wir keine Werbung machen. Es bleibt also nur Ihre Empfehlung. Wie es so schön heißt: Subscribe now. Newsletter haben nachwievor etwas von Spam, Werbung, Nötigung. Leider, denn damit wollen wir nichts zu tun haben. In der ersten Ausgabe haben wir geschrieben, warum wir das Medium Email so toll finden. Nachlesen können sie das hier. Antworten und Feedback gerne an uns! Die Email zum lettre heißt: newsletter@kollektivindividualismus.de. Und im Internet kann man nach wie vor unsere Website besuchen, abhängen und staunen.

Bleiben Sie uns gewogen.

Bildcredits: © Jan Nitschke © Felix Vieg © TVtropes © Felix Vieg © Felix Vieg

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lettre #001 edition: neu anfangen mit Felix & Jan

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Written by Jan & Felix

Mai 17, 2020

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Bonjour everyone!

Schön, dass Sie dabei sind! Wir versenden ab jetzt monatlich einen Newsletter zu einem Thema und etwas Musik. Ein paar schöne, wilde oder schön-wilde Zeilen, etwas zum Nachdenken, etwas zum Nachhören, etwas zum Lachen oder Weinen. Wir bleiben bei unserem alten Credo: Entspannen Sie dort, wo Gegensätze schöne Beobachtungen treffen. Wir spielen hier Ping Pong mit Ideen und Musik. As always: Ohne Werbung. Endlich ergibt alles keinen Sinn. Viel Vergnügen!

Schwerpunkt.

Wie fängt man neu an? Bevor wir physisch voneinander distanziert wurden, hatten wir, bei einem unserer vielen gemeinsamen Abende, die Idee eines Newsletters. Ein kleiner Neustart für unseren Blog, ein neues Gewand und neue Ideen im Zentrum des Geschehens. Für gewöhnlich nehmen wir uns ein weißes, leeres Blatt Papier und beginnen einfach mal zu skizzieren. Der erste Schritt war einfach das Gefühl oder sagen wir die Einsicht in die Notwendigkeit eines neuen großen Schritts. Et voilà, here we are. neu anfangen. Unsere erste Ausgabe von lettre wird versendet.

Okay, zugegebenermaßen wussten wir nicht, dass wir bald nicht mehr zusammensitzen sollten. Wie fragil ist bitte „Normalität“? Einerseits machte das den Neuanfang nicht unbedingt einfacher. Und auf der anderen Seite finden wir nun optimale Witterungsbedingungen vor, um zu starten. In dieser Zeit finden wir, bleibt nichts, wie es war. Fast alle erleben die Zeit gerade wie in einem Film. Ein Gefühl unwirklicher Wirklichkeit irgendwie. Plötzlich haben wir eine Krise, vor der sich alle fürchten, auch die Bornierten und nicht, wie bei der Klimakrise, die Vorausschauenden.

Wir lernen viel über die moderne Gesellschaft. Um Armin Nassehi mit Adorno zu zitieren: Es gibt keinen Ort außerhalb des Getriebes. Weder theoretisch noch empirisch. Das ist nicht neu, aber selten so sichtbar wie jetzt. Ist die Pandemie also eine Art Sehhilfe? Wir sehen plötzlich soziale Ungleichheit, globale Abhängigkeiten und neuen Nationalismus. Wir verstehen: Kurven, die nach unten gehen, können Hoffnung geben, fallende Zahlen sind auf einmal Zuversicht. Expansion ist kein Wert an sich, Entschleunigung kann die Sicherheit erhöhen und es kommt auf das Menschliche an, auf Solidarität und Kooperation, unbezahlte oder unterbezahlte Arbeit, überwiegend von Frauen, und emotionale Intelligenz. Wenn wir über den Atlantik schauen, sehen wir mit aller Deutlichkeit (und George Packer brachte das sauber auf den Punkt), dass Dummheit und Ungerechtigkeit lebensgefährlich sind, dass die Alternative zur Solidarität womöglich nur der Tod ist.

Wir lernen viel über uns selbst. Dauernder Sonntag. Zuhause bleiben. Über unsere Ungeduld. Über unser menschliches Bedürfnis nach Kopräsenz. Über Einsamkeit als Freiheit. Über einen Moment der Selbstkalibrierung. Wir begegnen unserem Selbst. Das sollten wir uns erhalten: innehalten, erneuern und wo möglich neu anfangen.

Wir dürften uns alle in letzter Zeit mit Kontemplation (ϑεωρία) beschäftigt haben, mit philosophischen Gedanken, Sinnfragen. Plötzliche Klarheit im Kopf vieler, obwohl wir als Gesellschaft im Nebel der unsichtbaren Bedrohung nur auf Sicht fahren können und sollten. Tage, an denen wir nichts kaufen. Der Himmel frei von Flugzeugen. Straßen für Radfahrer allein. Das kann man genießen. Wir müssen aber auch über die Schwierigkeiten der Isolation für viele weniger privilegierte Menschen sprechen. Endlich eine Auszeit vom stressigen Alltag in einer hyperglobalisierten Welt? Die Freude über Verzicht muss man sich auch leisten können. Meinen Balkon, die große Küche der WG und mein eigenes Zimmer als Rückzugsraum, das ist schon alles auch ein kleines bisschen Luxus. Die Corona Krise trifft viele hart, manche besonders heftig, aber es jammern vor allem – so wirkt es – die Homeoffice Beglückten. Andere wiederum entwickeln Verschwörungstheorien – eine Form mit Angst, Komplexität und Unsicherheit umzugehen, eine verständliche, aber gefährliche Art neu anzufangen. Machen wir uns nichts vor, nichts wird so sein wie zuvor. Ein seriöses Versprechen, dass alles so sein wird wie zuvor ist schwer vorstellbar und schlichtweg naiv.

Aber ein nachhaltiger Neuanfang, warum nicht? Die Maßnahmen waren wohl größtenteils alternativlos, aber die Rückkehr zu den genau gleichen, alten Krisen der Normalität ist es nicht. Vielleicht ist sie sogar unmöglich. Das Fenster steht sperrangelweit offen und eine sanfte Brise weht. Wir sollten neu anfangen. Alle gemeinsam.

Auf bald!

Jan & Felix

Musik. N°1

Musikalisch wollen wir anfangen mit einem Künstler, der es geschafft hat, einen Platz für (im weitesten Sinne) Klaviermusik in unserem Zeitgeist zu finden. Nils Frahm wird geschätzt von Liebhabern klassisch klassischer Musik, von Musikredakteuren bis hin zu Ravern (spätestens seit er mit DJ Koze am Soundtrack für den Film Victoria gebastelt hat). Im Funkhaus in Berlin durfte er sich sein Studio einrichten, auf Konzerten rennt er von einem Klavier zum nächsten und dreht an zahllosen Reglern herum. Er ist einer dieser verdammt coolen und liebenswerten Nerds.

Wir wollen zwei Stücke hintereinander hören:
In my friend the forest einer grandios puristischen Aufnahme bringt uns Frahm alles von seinem Piano direkt ans Ohr. Jedes Pedal, jede Stahlseite, Dämpfer, Gehäuse, Hämmer und Federn. Wir sind ganz zurückgeworfen auf das Wesentliche.
In sunson bleibt vom klassischen Klavier nicht mehr viel übrig, doch dieses Stück steht exemplarisch für das, was ihn ausmacht: Er schafft es, wilde Geschichten zu erzählen, die absolut in unsere Zeit passen. Geschichten kann die alte Klaviermusik auch. Nur die verstehen wir jungen Menschen oft (noch) nicht so ganz.

Das Internet.

Im Internet kann man nach wie vor unsere Website besuchen. Auch da haben wir ein wenig neu angefangen. Es wird ruhiger und lebendiger en même temps. Sie können unseren Dauerbrenner Soundtrack der Woche (kurz: SdW) hören, handverlesene Playlisten genießen und einfach eine Weile abhängen, wenn Ihnen danach ist.
 
„Soziale“ Netzwerke.

Wir verabschieden uns bald still und heimlich von unseren Social Media Accounts (Zugegeben, viel Aktivität war dort auch nicht zu verzeichnen). Wir wünschen uns eine bewusstere Auseinandersetzung mit den Dingen. Facebook und Instagram werden begraben. Wir setzen auf Sie und den Newsletter. Hoffentlich setzen wir aufs richtige Pferd!

Musik. N°2

Wie hören Sie eigentlich Ihre Musik? Spotify-Nutzern dürfte gegebenenfalls das Medium selbst einstweilend überfordern. So geht das zumindest mir phasenweise. Wenn die eigene Musikwelt nur noch aus einzelnen Tracks von Millionen – Pardon x-beliebiger – Künstler oder Künstlerinnen besteht. Alles verfügbar – nichts genießbar. Wann haben Sie das letzte Mal ein Album gehört? Einfach so von Anfang bis Ende, wie Papa. „Das ist ja eine Zumutung!“, werden Sie sich denken, aber hören Sie sich das ganze Album an! (Das geht besonders einfach mit CD’s oder Platten.)

Ein super Album, um diesen Genuss zu praktizieren, ist das neue Czenias von Nicolas Jaar, meinem absoluten Lieblingskünstler. Ich möchte jetzt nicht zu viel verraten, aber Sie werden nicht enttäuscht sein. Czenias heißt auf Spanisch Asche. Ein Symbol für Niedergang und Neuanfang gleichermaßen. Nicolas Jaar schafft ein Album mit ausnahmslos eigenartig andersartigen Tracks, was deren einzige Gemeinsamkeit darstellt und als eine Art Roadshow zu all den Grenzbereichen elektronischer experimenteller Musik verstanden werden kann. Einzig das letzte Stück klingt nach seinem unübertroffenem Debütalbum Space is only noise. Sie merken, der Mann hat auch ein Händchen für Titel. [Wer gleich einen Zoomcall hat und verdichtet konsumieren will, der darf etwas tricksen: Garden – Xerox – Faith Made of Silk (in dieser Reihenfolge)]

Musik. N°3

Weiter geht’s mit Isolation Berlin, die, neben der ebenso fantastischen Band Die Nerven, so ziemlich beste deutsche Rockband.
Inhaltlich bewegen sich die Jungs aus Berlin (surprise!) zwischen Hoffnungslosigkeit und romantischer Sehnsucht nach Sinn im Großstadtdschungel. Das klingt jetzt alles etwas Trüb, ist es vielleicht auch, doch sie treffen einen Nerv bei mir. Es ist die Ambivalenz zwischen der wilden, aufregenden, grenzenlos großen Stadt und der Anonymität und Gleichgültigkeit, der Ignoranz und des so schnell Vergänglichen, das uns doch alle irgendwie fasziniert und anwidert zugleich.

Ist es alternativlos oder fehlt einem nur der Mut, etwas Anderes zu probieren? Stadtflucht, ist das ein Ding? Für Isolation Berlin scheint der Zug zum Neuanfang abgefahren, ach eigentlich hält er hier gar nicht. „[Versunken] in der Isolation Berlin“ besingen Sie stattdessen ihre von der Großstadt zermürbten Seelen. Herrlich!

Ist es alternativlos oder fehlt einem nur der Mut, etwas Anderes zu probieren? Stadtflucht, ist das ein Ding? Für Isolation Berlin scheint der Zug zum Neuanfang abgefahren, ach eigentlich hält er hier gar nicht. „[Versunken] in der Isolation Berlin“ besingen Sie stattdessen ihre von der Großstadt zermürbten Seelen. Herrlich!

Musik N°4

Wenn ich mich an diesen Ort in Paris träumen will, dann höre ich Diane von Paul Bley und Chet Baker. Und im Angesicht der Coronazeit auch gemeinsam allein oder Alone Together von Chet Baker. Stark.

The end.

Das war unser erster Newsletter. Wir hoffen, es hat Ihnen geschmeckt. Wir freuen uns über Feedback, etwaiges Weiterempfehlen und auch über neue Abonnements. Wie es so schön heißt: Subscribe now. Die Email zum lettre heißt: newsletter@kollektivindividualismus.de. Bleiben Sie uns gewogen.

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