lettre #002 edition: Stadtflucht mit Felix & Jan

Lettre

Written by Jan & Felix

Juni 28, 2020

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Bonjour!

Weiter geht’s mit Nummer zwei. Ein Thema und etwas Musik, das hatten wir uns vorgenommen für unseren monatlichen Newsletter. Die erste Ausgabe gab es im Mai, als wir alle schwer beeindruckt von Corona, langsam etwas aufatmen konnten, und wir haben übers neu anfangen geschrieben. Wir sind nach wie vor gespannt von Ihnen zu hören, ob es gefallen hat. Danke für alle Rückmeldungen, die wir schon erhalten haben, das freut uns sehr.

Wir sind ja alle schrecklich geplagt und genervt von dieser Zumutung namens Corona (oder?), also relaxen wir an dieser Front ein wenig und versuchen eine möglichst Corona-freie Ausgabe zu kreieren. Blicken wir nun gemeinsam auf ein ganz eigentümliches Verhältnis, das wir alle kennen, nämlich wie wir, wo wohnen und wohin wir fliehen, wenn uns alles zu viel wird. Wir senden diese zweite Ausgabe von lettre mit dem Titel Stadtflucht. Voilà. Gute Musik ist natürlich auch dabei (weiter unten und in der Playlist zum Newsletter) Viel Vergnügen!

Schwerpunkt.

Wir zwei Autoren dieses Newsletters haben die Hochphase der Corona Krise in völlig unterschiedlichen Wohnsituationen erlebt. Der eine blieb in seiner WG in Berlin, der andere floh aus der Stadt und verbrachte die Tage mehr oder weniger auf dem Land, ein paar Kilometer vor den Toren Hamburgs. Nicht zu den eigenen Eltern, aber das haben auch viele unserer Freunde getan – alle in ihren Mittzwanzigern und betont erwachsen ansonsten. Wir stellten uns also ganz bewusst die Frage, wo wir mit wem eine vermutlich einzigartige Zeit verbringen wollten. Wohnort und Wohnart spielten dabei sicherlich eine entscheidende Rolle, weil sie plötzlich so sehr an Relevanz gewonnen haben.

Auf einmal mussten wir wirklich Zuhause zu Hause sein und dort “wohnen”. Auf einmal fand dort der Großteil unseres Lebens statt und nicht, wie sonst, außerhalb davon. Können Sie sich das eigentlich vorstellen? Früher verbrachten Generationen einen Großteil ihres Lebens Zuhause. Heute ist das für viele ein schwer zu ertragender Ausnahmezustand. Die Coronapandemie hat den modernen Nomaden (uns) zur Immobilität verdammt. Was macht das mit uns? Was ist uns wichtig? Wie wollen wir, wo wirklich wohnen? Zwangsweise haben wir uns intensiver mit der Frage auseinandergesetzt. Je länger wir darüber nachdenken, desto mehr verlaufen wir uns in einem Labyrinth an Gedankenspielen und -experimenten. Wir wollen versuchen dies ein wenig zu strukturieren und unser Ideen-Ping-Pong in drei Sätzen zu spielen: Stadt-Land-Flucht.

Musik N°1

Ein Freund hat mir mal gesagt, Lisbon, OH von Bon Iver sei der perfekte erste Song für fast jedes Mixtape. Recht hat er! Er ist eine Art Einkehrkatalysator, der pep talk einer jeden Playlist. Die Sirenen, die Blipps und das Piepsen, die schrägen Akkorde zu Beginn haben etwas mechanisches, synthetisches und fesselndes. Mit einem Akkord wird dieses Korsett zum genau richtigen Zeitpunkt aufgelöst. Eine unglaubliche Befriedigung. Der Hörer wird sich nun mit einer angemessenen Einstellung ihrem Mixtape wenden. Glauben Sie mir!

Aber weiter zu dem Herrn, um den es hier eigentlich gehen soll, Justin Vernon, formally known as Bon Iver. Wir gehen mal davon aus, dass es an dieser Stelle keiner weiteren Vorstellung bedarf. Was aber einige nicht wissen mögen: Justin Vernon kommt aus der tiefen Provinz Wisconsins und lebt bis heute in der kleinen und ruhigen Stadt Eau Claire, was ihn für diesen lettre so interessant macht. Er hat sich ganz bewusst und trotz steigender Instagram-Follower-Zahlen gegen die eigene ‚Urbanisierung‘ entschieden. Darüber hinaus versucht Vernon seinen Erfolg zu nutzen, um dem Städtchen etwas zurückzugeben: Er kuratiert ein Festival in der Stadt, lässt die Größen der Branche bei ihm im Studio antanzen, schenkt dem grandiosen Film Give Me Liberty einen Soundtrack und versucht Künstler und Kulturschaffende in der Region unter die Arme zu greifen. Pitchfork hat ihn letzten Jahr auch besucht und eine schöne Geschichte dazu aufgeschrieben. Kultur und Stadtflucht, das passt vielleicht also doch zusammen – wie beruhigend.

Lisbon,OH wollen wir nun auch nutzen, um ein klitzekleines Miniatur Bon Iver Mixtape einzuleiten. Gefolgt wird er von Minnesota, WI, Skinny Love, und 33”GOD”. Eine kleine Reise durch die musikalische Welt des Bon Iver. Eine kleine Hommage an den Gott des Vocoders und den, für uns, wohl größten Popkünstler unserer Zeit.

STADT.

Städte sind ja etwas absolut Faszinierendes. 77 % der Deutschen leben in Städten. Städte leben mit dem Paradox, dass man dort nie alleine ist und sich doch oft alleine fühlt, wie es schön auf zeit.de geschrieben wurde.

Abstraktion: verdichtete Unterschiedlichkeit als Einheit. Ein total widersprüchliches Konglomerat von unterschiedlichsten Akteuren und Funktionen, auf engstem Raum miteinander verbunden und aufeinander angewiesen. Ein buntes Potpourri. Wir beobachten lauter unmögliche Dinge (fehlender Breitbandausbau, kaputte Schulen und Fahrradwege, Stau, Straßen voller Blechlawinen, vermüllte Parks, Kriminalität, schleppende Energiewende usw.), die in konkreten Räumen a.k.a. Nachbarschaften plötzlich möglich werden. Das heißt, eigentlich ist die Stadt von heute ein Transformationslabor: Makrostrukturen der Gesellschaft, die im Mikrokosmos Stadt irgendwie funktionieren müssen. Wir müssen es miteinander aushalten und so organisiert sich das Stadtleben. Ab einem gewissen Level von Unordnung entsteht Ordnung im System (Kybernetiker sagen “order from noise”). Umgekehrt ermöglicht Ordnung auch ein Level an Unordnung: Wir können friedlich miteinander leben in der Stadt. Nur weil wir eine ordnende Struktur haben, die uns Halt gibt, können wir so viel Unterschiedlichkeit an politischen Einstellungen, Menschen, Religionen, sexuelle Orientierungen usw. ausleben. 

Stadtleben in Paris, 2018

Konkretion: Wenn die Stadt Probleme lösen kann, dann bedeutet das: Vergesst die UN, vergesst Trump und andere skrupellosen Stimmungsmacher – sie werden eure Probleme nicht lösen. Geht auf die Straße und macht was! Fordert Klimagerechtigkeit, kämpft gegen Rassismus, Gleichberechtigung und Solidarität. Städte werden Wandel treiben.

Woche für Woche tauchen wir in diese wundervolle Welt ein, die uns die Stadt vor die Füße wirft. Wir schwitzen in kleinen Konzerthallen, sitzen in renommierten Theatern und hippen Programmkinos oder essen uns an einem Tag dreimal um die Welt. Wir genießen das alles, sagen wir, manchmal verlieren wir sogar den Sinn dafür, wie viel Kultur wir konsumieren (ja, konsumieren ist hier oft das richtige Wort, aber das ist ein ganz anderer Newsletter). 

Ein spannender Gedanke, der auch im oben verlinkten Artikel aufgegriffen wird: “Freizeit wird verbracht. Die Menschen konsumieren die Stadt, ganz so, wie sie einander konsumieren.”

Musik N°2

Als ich mir mit meiner Freundin den wunderbaren Film Caro Diario von Nanni Moretti (1993) ansah und selbiger mit seiner Vespa durch ein menschenleeres Rom fährt, viel mir im sowieso gelungenen Soundtrack ein Song sofort auf, den ich aus meiner Kindheit kannte: Batonga von der beninisch-französischen Sängerin Angélique Kidjo. Auch wenn ich damals nicht wusste, was gesungen wird (ist ja oft der Fall), liebte ich diesen Song und prägte mir das Cover vom Album Logozo ein. Batonga erinnert mich unweigerlich an die potente HiFi-Anlage im damaligen Wohnzimmer und das Tanzen auf dem dicken roten Teppich als Kids. Der Song ist so cool, lässig und treibend. Sehr zu empfehlen.

Gleiches gilt übrigens für Caro Diario, einen Film, der eine Reise der Selbstentdeckung ist. Worum geht es? Zuerst fragte ich mich, ob es überhaupt um etwas ging. Denn zunächst einmal scheinen es drei Filme in einem zu sein. Wir streifen mit Moretti (und seiner Vespa) durch die heißen Straßen Roms und er weigert sich viel Schönes in dieser schönsten aller Städte zu finden. Dann fliehen wir aus der Stadt, besuchen die winzigen Inseln vor Kalabrien und versäumt es, viel Gelassenheit zu finden, obwohl der Ort nur so danach schreit. Im dritten Teil wird es dann nochmal komisch ernst um die Absurdität unseres Lebens gehen. Oft scheint sich der Filmemacher auf einer Reise ohne Ziel zu befinden. Sympathisch.

Moretti in Rom, 1993

Da gibt es eine Szene im Film, wo die Erzählung wegfällt und wir Moretti zu dem Ort außerhalb Roms folgen, an dem der Dichter und Filmregisseur Pier Paolo Pasolini im November 1975 ermordet wurde. Hinter der Vespa gefilmte, sehr minimalistische Aufnahmen, zu einer rauschhaften Improvisation von Keith Jarrett geschnitten. Ein Moment aus Licht, Bewegung, Rhythmus, flimmernden Formen und Stille. The Köln Concert und das erfolgreichste Solo-Jazz-Album ever. 

LAND.

Wir sehnen wir uns nach der Ruhe des Dorfes, wir wollen draußen sein und nicht in Wohnungen eingesperrt, wir wollen in den Wald gehen und nicht in dröge Stadtparks, unsere Zeit nicht an Ampeln verschwenden. Oder merken nun auch wir, die wir uns so oft als hyper dynamische, anpassungsfähige und niemals-zur-Ruhe-kommende Digital Natives und Globetrotter verstehen, dass sich auch uns die Welt in der Stadt zunehmend zu schnell dreht?

Eine Kapitulation, also? Vielleicht mehr ein Streben nach dem Ursprünglichen, eine Sehnsucht nach der Schönheit des Einfachen in gewisser Weise. Ein Entfliehen der städtischen Anonymität auf der Suche nach einem Ort, an dem man tatsächlich wohnt, statt dort nur zu verweilen.

Wir fangen an zu hinterfragen, ob die Stadt denn wirklich die einzig denkbare Lebensrealität für uns ist. Für viele von uns scheint das Dorf wie eine Art apokalyptische Lebens-Endhaltestelle. Dort wohnen Spießer oder solche, die es insgeheim mal werden wollen. Jenseits dieser Vorurteile kann man auf dem Dorf aber schnell mal aufs Rad steigen und losfahren oder einfach mal in den See springen, der direkt um die Ecke liegt. Man kann mal laiut sein, weil der nächste Nachbar nicht hinter der Wohnzimmerwand sitzt oder man kann in Hofläden bio und regional shoppen gehen. Mit ein wenig Kreativität lassen sich sogar ziemlich viele Stadt Features auf das Landleben übertragen, am besten, ohne dabei die ganzen Bugs gleich mitzunehmen.

Landleben in Frankreich, 2020

Musik N°3

Wer uns schon länger folgt sollte ihn kennen, den Soundtrack der Woche. Seit 2016 suchen wir 52,1429 mal pro Jahr (mal 52, mal 53!) einen besonders hörenswerten, hippen oder interessanten Track aus und teilen ihn. Wir sind überzeugt, so entsteht ein wilder wunderbarer Mix. Gewissermaßen bildet die Playlist aller SdW eine schöne Übersicht an Lieblingsmusik. Wir geben zu, aktuell schaffen wir es nicht immer wöchentlich zu liefern, aber wir arbeiten dran. Kürzlich war die belgische Powerfrau Angèle unser SdW. Warum sie beeindruckt, obwohl es eigentlich so gar nicht Felix Musik ist, lesen Sie am besten hier nach. Angèle’s Musik ist klug, poppig, ein bisschen traurig und gleichzeitig ein bisschen tanzbar und stehen somit doch sehr für unsere Zeit. 

Stadtflucht: Felix im Burgund, 2020

FLUCHT.

Und jetzt? Koffer packen, Möbel abbauen und los? Hat die Stadt ausgedient oder ist die Landlust, jene Sehnsucht der Städter, durch etwas anderes getrieben? Ein unterschwelliges Streben nach Komplexitätsreduktion und dem Einfachen? Vielleicht einfach eine mögliche Antwort auf die Suche nach dem guten Leben?

Ja, wären wir denn überhaupt fähig, auf dem Land zu wohnen? Montags wissen, was man Donnerstag Essen will, damit man Mittwoch nicht noch einmal zum Supermarkt ins nächste Dorf düsen muss. Machen wir uns nichts vor. Zwar wollen nahezu die Hälfte, der in Umfragen Befragten gerne aufs Land ziehen und die beschworene Stadtflucht war schon in der Schule ein mega Aufsatzthema, doch die wenigsten landen auch dort. Traumhaft ja, aber bitte nur für ein Wochenende: Heuduft und zur Ruhe kommen. 

Stattdessen eher eine kurze Flucht und dann ein Stück Natur in die Stadt bringen: Monstera oder stattlicher Dachgarten. Wir (jungen Menschen) genießen die Vielfalt der Stadt – unser höchstes Gut, Ausgangspunkt für unsere enorme Mobilität, der Nährboden unserer Kultur, unseres Seins oder für Spielereien wie diesen Newsletter. Wäre es nicht etwas naiv, vielleicht sogar fatal, das alles einfach über Bord zu werfen? Ruhe, einem bekannte Nachbarn, Dorf-Gossip,(teils bizarres) Brauchtum, Freizeit ohne etwas zu bezahlen. Zumindest würde es den Mut zum Risiko erfordern, enttäuscht zu werden und Verzicht zu üben. Wirklich? Die Frage könnte ja auch lauten, ob jene Vielfalt unausweichlich an das urbane Getümmel gebunden ist. Und, können wir unseren Sehnsüchten, den wirklich wichtigen Dingen, nicht sowieso unabhängig vom Ort nachgehen? 

Wohin geht es als Nächstes und wie geht es weiter? Das vermögen wir nicht zu prognostizieren, aber drüber Nachdenken macht Spaß und letztlich sind wir ja auch diejenigen, die Stadt-Land-Flucht gestalten. Setzen wir uns in Bewegung! Gestalten wir. Die Coronapandemie wird voraussichtlich unsere Städte nachhaltig umkrempeln und auch unser hohes Mobilitätspensum verändern. Und vielleicht zieht es uns ja langfristig doch raus aufs Land. Darauf ein kaltes Getränk!

Zum Wohl!   

Jan & Felix

Musik N°4

Dieser Song darf in einem solchen lettre natürlich nicht fehlen! Die Höchste Eisenbahn sind wundervolle Geschichtenerzähler. Poetische, oft melodramatische Texte, herrliche Bilder, viel Kitsch aber clever verpackt und umso schöner erzählt. 

In Raus aufs Land geht es eigentlich um Kai und wie Kai die Freundin klaut. Aber legt man Kai mal beiseite wird hier die Geschichte einer gescheiterten Stadtflucht erzählt.

    Und hier gibt es keine Busse
    Und die Landluft macht uns so frei
    Und ich liebe Autofahren
    Und du liebst inzwischen Kai

    Ist es das was du immer wolltest, was dir immer so stank?
    In unserer Zwei-Zimmerwohnung, meintest du das mit raus aufs Land?

 
Da ist er wieder, dieser Zwiespalt.

The end.

Das war unser zweiter Newsletter. Wir hoffen, es hat Ihnen gefallen. Wir freuen uns über Feedback, etwaiges Weiterempfehlen und auch über neue Abonnements. Tatsächlich wird sonst niemand von diesem Newsletter erfahren, da wir keine Werbung machen. Es bleibt also nur Ihre Empfehlung. Wie es so schön heißt: Subscribe now. Newsletter haben nachwievor etwas von Spam, Werbung, Nötigung. Leider, denn damit wollen wir nichts zu tun haben. In der ersten Ausgabe haben wir geschrieben, warum wir das Medium Email so toll finden. Nachlesen können sie das hier. Antworten und Feedback gerne an uns! Die Email zum lettre heißt: newsletter@kollektivindividualismus.de. Und im Internet kann man nach wie vor unsere Website besuchen, abhängen und staunen.

Bleiben Sie uns gewogen.

Bildcredits: © Jan Nitschke © Felix Vieg © TVtropes © Felix Vieg © Felix Vieg

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