lettre #003 edition: Unruhe

Lettre

Written by Jan & Felix

August 23, 2020

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Bonjour!

Hier kommt Ausgabe drei von unserem Newsletter – nicht mehr so ganz im Juli. Bitteschön. Die Idee monatlich über ein Thema und etwas Musik zu schreiben, hatten wir Anfang des Jahres 2020. Ob das eine gute Idee war? Wir haben vielleicht ganz kurz daran gezweifelt als wir feststellten, dass es schon wieder Zeit ist, in die Tasten zu hämmern und Emailpost abzuliefern. Aber dann lasen wir nochmals unsere letzte Ausgabe und die Antworten darauf und Schwupps-die-wupps waren alle Zweifel verflogen. Wir freuen uns sehr über jedes warme und jedes kalte Wort und sind nach wie vor gespannt von Ihnen zu hören, ob es gefallen hat. Wenn es gefällt: Bitte empfehlen Sie uns weiter. Kostet nichts, aber macht uns immer eine große Freude (neue Namen in der Liste zu haben).

2020. Ein wirklich aufregendes Jahr, das erst vor Kurzem in die Halbzeit ging und uns ziemlich herausfordert. Wir sind sehr gespannt, was da noch so kommt. Im Juni haben wir uns gefragt wie wir wo wohnen und wohin wir fliehen, wenn uns alles zu viel wird. Unsere letzte Ausgabe zum Thema Stadtflucht finden Sie hier. Wir stellten auch fest, oder besser gesagt forderten Sie auf „Geht auf die Straße und macht was!“, niemand wird Probleme lösen, wenn wir nicht aktiv werden. Ist es Zeit für Unruhe? Wir finden: Ja, wenn es darauf ankommt, bewahren Sie ruhig Unruhe.Ansonsten gilt in unser schnelllebigen Zeit vermutlich eher im Gegenteil: Ruhe ist Luxus.

Hier kommt also eine gehörige Portion Unruhe. Voilà. Gute Musik ist natürlich auch dabei (weiter unten und in der Playlist zum Newsletter) Und am Ende finden Sie vielleicht auch Ihre Ruhe. Sei es ganz im Inneren oder beim bedächtigen Lauschenin einer warmen Sommernacht, wenn alles ruhiger wird. Bitte bewahren Sie die Unruhe! Viel Vergnügen!

Schwerpunkt.

Wir leben in einer unruhigen Welt. Und wir lassen uns vermutlich jeden Tag von dieser Unruhe (an)treiben und anstiften, aber auch nervös machen. So viel scheint sicher, der Rest ist nicht ganz klar. Was ist Ruhe? Wenn das Fenster zu ist und der Lieferverkehr draußen etwas leiser stört? Wie findet man Ruhe, wenn es nicht ausreicht einfach das Fenster zu schließen? Und warum ist Unruhe manchmal viel spannender und teils gar notwendig?

Erst einmal wollen wir versuchen den Begriff Unruhe für uns etwas einzugrenzen. Die Unruhe ist ein ambivalentes Etwas. Wir können aus ihr Energie gewinnen, Rastlosigkeit kann uns an neue Orte treiben, sie kann uns helfen Neues zu probieren und uns oder die Welt neu zu erfinden. Andererseits ist Unruhe oft ein ungewollter Begleiter, Stress kommt ungefragt und bleibt uns hartnäckig im Nacken. Wir wollen über Unruhe nicht kategorisch urteilen. Ihr einen Wert in Form des Guten oder Bösen zuzuschreiben scheint zu einfach. Wie so oft merken wir: Es ist kompliziert.

Für viele, so scheint es manchmal, gehört eine Prise Unruhe zum Leben dazu, ein gewisses Grundrauschen, welches das Leben erst Lebenswert zu machen scheint. Oder haben viele nur verlernt, was Ruhe ist, und dass auch sie ihren gerechtfertigten Nutzen haben kann? Man muss wohl oder übel lernen, zwischen der Ruhe und ihrer Antagonistin, der Unruhe, zu vermitteln. Den richtigen Filter finden, den man auf unsere aufbrausende, tosende und chaotische Welt legen kann. Oft merken wir, dass wir in einer Gesellschaft leben, die das Ertragen von Unruhe honoriert und den Rückzug ins Ruhige als Schwäche pauschalisiert. Dem sollten wir uns öfter widersetzen. Ab und zu einfach mal den Stecker ziehen. Das haben wir uns auch zu Herzen genommen, weshalb dieser Newsletter auch so spät versendet wird. Machen wir aber erst mal weiter mit etwas Musik.

Musik N°1

Da wir ja des Öfteren über Musik schreiben, dachten wir bei Unruhe schnell an Jazz. Gibt es ein Genre, was in seinem Facettenreichtum besser zum Thema Unruhe passt? Wohl kaum. Vermutlich fällt es auch deshalb vielen jungen Menschen schwer, einen Zugang zu Jazz zu entwickeln. Stattdessen werden so manche bei Robin Schulz oder Lady Gaga fündig – das verspricht Sicherheit in einer unruhigen, volatilen Welt. Wir möchten an dieser Stelle trotzdem ein bisschen Jazz-Musik teilen und zwar zunächst ein herrlich unruhiges Stück von Jutta Hipp. Sie hat Malerei in Deutschland studiert, spielte dann aber Jazz während des Zweiten Weltkrieges, obwohl Jazz den Nazis zu unruhig war, floh aus der ostdeutschen Besatzungszone nach München, weil es auch dort mit Jazz schwierig war.

Im Westen war durch den amerikanischen Einfluss mehr Jazz in kleinen Kellerklubs angekommen und so spielte Jutta Hipp Klavier, nahm mit Hans Koller auf und landete schließlich auch als eine der ersten Frauen und Weißen beim großen Label Blue Note. Dort entstand dann auch das Album mit Almost Like Being In Love drauf, nämlich Jutta Hipp with Zoot Sims (Blue Note, 1956). Sie wurde damit in der BRD eine Erscheinung und war wohl ziemlich bekannt. Zum unruhigen Leben dieser spannenden Musikerin gehört auch ihr plötzliches Karriereende und dem Wechsel zurück zu Malerei und Design. Irgendetwas wurde ihr zu viel. Sie mochte die großen Auftritte nicht, unterdrückte Lampenfieber scheinbar mit Alkohol und schrieb Freunden immer wieder, dass der richtige Jazz in den kleinen Klubs zu finden sei.

Dem kann ich aus meiner Pariszeit nur zustimmen, die Stimmung in einem verschwitzten Keller voller Klang und Menschen (leider heute undenkbar) ist einmalig. Ich hoffe, dass die zahlreichen Klubs in Paris und New York (und sonst wo) das irgendwie überleben, denn nach wie vor hat es Jazz besonders schwer. Weil er Unruhe bewahrt? Kompliziert ist, wie unsere Gegenwart? Jedenfalls sehr faszinierend.

John Coltrane ist einer der bekanntesten und einflussreichsten Jazzmusiker des 20. Jahrhunderts – keine Frage. Weniger bekannt ist seine Frau Alice Coltrane, die eine hervorragende Pianistin war und noch lange nach Tod ihres Mannes Jazzmusik machte. Ptah The El Daoud erschien im Jahr unserer Geburt und ist eine wundervolle Aufnahme. Alice Coltrane ist eine Pionierin des Jazzpiano, die sich mutig und selbstbewusst über Konventionen hinweggesetzt hat. Improvisation – das Wesen des Jazz. Unruhe in ungerechten Zeiten.

To-Do und To-Go.

In unserem Alltag schreiben wir ständig To-do-Listen. Wir haben schließlich verdammt viel vor und das wird ja auch von uns erwartet. Vermutlich hat die Unruhe, die wir erleben, nur bedingt mit dem Lärm der Stadt zu tun, sondern rührt eher aus unserem Drang das perfekte Leben zu leben und, vielleicht noch wichtiger, das auch nach außen zu kommunizieren. Leben wir in einer Gesellschaft, die diejenigen bevorzugt, die möglichst viel Unruhe abkönnen? Wir leben in einer Hochleistungsgesellschaft, da bleibt wenig Zeit zum Durchatmen. Das müssen wir dann schon To-Go erledigen. Nur doof, dass der Kaffee To-Go in U-Bahn leider echt großer Käse ist. Nicht nur wegen des Einwegbechers, auch wird damit der Kaffee seiner Kultur beraubt„Wer keine Zeit hat, sich für einen Kaffee oder Drink oder Snack an dem Ort seiner Ausgabe aufzuhalten, sollte mal über sein Leben nachdenken.“ Das streben nach dem (scheinbar) Nützlichen mündet viel zu oft in Unruhe. Wieso ist das so? Gibt es keinen Sinn in der Ruhe? Warum suchen wir nicht öfter nach dem Wesentlichen?

Unser Blick: Ruhiges Meer im Sommer, 2020

Musik N°2

Egal was man über das Anfang des Jahres erschienene Album von Fiona Apple gelesen hat, es war immer euphorisch. Wir können uns dem nur anschließen und kürten es bereits zum Soundtrack der Woche. Ein großartig unruhiges Album, brutal und schön. Diese Musik passt herrlich zu diesem Newsletter, weil sie diese Nonkonformität in sich trägt. Kein Song kommt ohne ein ein wenig Geschrubbel oder rhythmischer Brüche daher. „A strange, exceptional record„, schrieb der Guardian dazu.

Wir wollen an dieser Stelle auch gar nicht versuchen den zahlreichen Lobesliedern noch etwas hinzuzufügen und belassen es Sie mit ein paar handverlesenen Zitaten vertraut zu machen.
 

— Under The Table —
I’d like to buy you a pair of pillow-soled hiking boots
To help you with your climb
Or rather, to help the bodies that you step over, along your route
So they won’t hurt like mine
Kick me under the table all you want
I won’t shut up
 
— Cosmonauts —
You and I will be like a couple of cosmonauts
Except with way more gravity than when we started off
 
— Newspaper —
Oh, I too, used to want him to be proud of me
And then I just wanted him to make amends
I wonder what lies he’s told you about me
To make sure that we’ll never be friends
 
— Fetch the Bolt Cutters —
I grew up in the shoes they told me I could fill
Shoes that were not made for running up that hill
And I need to run up that hill, I need to run up that hill
I will, I will, I will, I will, I will

Meditation.

Meine Krankenkasse schenkt mir ein Jahr die Meditationsapp und schon werde ich vorm Burn-out bewahrt. Was wir auch beobachten: Das Streben nach Ruhe endet für die modernen Großstadtbewohner (uns eingeschlossen?) oft in einer krampfhaften Suche nach dem inneren Selbst und nach ständigem Ausgleich oder gelegentlicher Stadtflucht. Sanfte Stimmen aus unseren Smartphones sollen uns für unsere allmorgendliche Meditationsession motivieren. Für nur 19.99€ im Monat! Alles im Namen der Entschleunigung. In einer weitestgehend sinnentleerten Welt des unverzichtbaren Wachstums und dem notwendigen immer mehr, wird es ziemlich anspruchsvoll Ruhe zu finden. Meistens müssen wir dafür dann auch noch bezahlen.

Newsletter schreiben in der Hitze, 2020

Musik N°3

Mein Cousin T postet auf seinem Instagram-Account immer wieder gute Musik, genauer gesagt, legt er Platten auf, die er mag. So bin ich auch auf dieses coole Album aufmerksam geworden, das sich super für heiße Sommertage eignet. Zu Beginn schallt es aus den Lautsprechern des fiktiven Raumschiffes: „Herzlich willkommen! Wir freuen uns, Sie an Bord zu haben. Genießen Sie Ihren Aufenthalt und haben Sie eine entspannte Reise.“ Es folgt eine wilde Odyssee, von funky bis entspannt ist alles dabei. T hat einen super Musikgeschmack und ich bin beeindruckt von der Anzahl an Schallplatten, die er mittlerweile besitzen muss. Schön, dass er sie auch ab und an für uns auflegt.

Fenster zu, Unruhe raus, Berlin, 2020

Ruhe & Parmegiana.

Wir können sagen, wir haben in den letzten Wochen Ruhe gefunden. Beim morgendlichen Schwimmen in der Adria oder dem gemeinsamen Zubereiten einer Parmegiana (Rezept). Probieren Sie es aus! Die Aubergine ist das Gemüse der Ruhe, denn wer die Geduld beim zubereiten verliert, hat verloren.

Das Rezept ist noch einfacher als im Link oben beschrieben. Für 4-6 Personen 4-5 großen Auberginen grob Schälen (die Schale ist teilweise sehr hart) in ca. 8 mm dicke Scheiben schneiden. Für ca. 45 min in den Backofen bei hohen Temperaturen ohne Salz und ohne Öl austrocknen bis die Scheiben eine gesunde Bräune bekommen haben. In der Zwischenzeit einen Tomatensugo aufsetzen: Gute Tomaten aus zwei Dosen (wir mögen Mutti) mit Knoblauch, Pfeffer Salz ohne all zu viel Rühren zu einem cremigen Sugo einkochen. Er sollte am Ende nicht zu wässrig sein.Mozzarella (vielleicht so 3-4) Packungen in Scheiben schneiden, Parmesan (Parmegiano Regiano) reiben und bereitstellen. Dann braucht man noch Semmelbrösel. Am besten schmecken solche, die man aus altem Weißbrot selbst gemacht haben. Wir schichten dann in eine geölte Form Aubergine, Sugo, ein paar Blätter Basilikum, Mozzarella, Semmelbrösel und Parmesan. Die letzte Schicht schließt mit Aubergine, Semmelbrösel und etwas mehr Parmesan. Dann wird die Parmegiana für mindestens 45 Minuten bei 160 Grad in den Ofen gegeben und Sie warten, bis die Zutaten in ihrem Kern zu einer cremigen, würzigen Einheit verschmelzen. Bon Appetit!

 
Herzlich
 
Felix & Jan

 

Musik N°4

Ein Feedback von der lieben E zu unseren letzten Newsletter war zu Angèle, die wir als poppig bezeichnet haben und wünschte sich ruhig noch mehr Pop. Dem Wunsch können wir natürlich nachkommen. An dieser Stelle möchten wir Ihnen einen weiteren King of Pop präsentieren: Tom Misch. Er war unserer 30. Soundtrack der Woche, 2016, damals schrieben wir mit Witz: „Gute Mische. Mr. Misch zählen wir zu den vielversprechendsten Newcomern von der Insel, die sich soeben aus der europäischen Staatengemeinschaft verabschiedete.“. Hätten wir gewusst wie lange sich der Brexit noch ziehen würde! Tom Misch ist ein Multitalent und kann, grob so alt wie wir selbst, Komponist, Gitarrist, Violinist, Singer-Songwriter, Produzent und DJ in einem sein. Meistens geht das ja gründlich schief, aber in diesem Fall muss man mal attestieren: Der Mann kann Musik. Jetzt kommt er hier aber nicht allein und nicht mehr ganz so poppig, sorry. Er spielt und produziert auch mit vielen spannenden Musikern wie Loyle Carner oder eben jetzt eben dem Schlagzeuger Yussef Dayes.

Nach seinem etwas überpolierten Debütalbum bringt What Kinda Music einen wirklichen Hoffnungsschimmer. Als Paar bringen Dayes und Misch das Beste aus einander hervor. Wo das Debüt fast zu sauber war, ist What Kinda Music mit der Tiefe und Dunkelheit der Rhythmen von Dayes vermengt, was Mischstonhöhenmäßig perfektem Gesang ausgleicht. Dies trifft insbesondere auf „TidalWave“ zu, wo Dayes‚ Trommelwirbel und Holzklopfer mit den Sticks einen Kontrapunkt zu Mischs vielschichtigem Gesang bilden. Yussef Dayes kennen wir von seinem vorherigen Band Projekt Yusseff Kamaal (SdW#178) und auch Solo (SdW #160) als spannenden Schlagzeuger. The Independent in England schreibt über das Spiel von Dayes: „Jede Note scheint bei ihm von einem Elektroschock ausgelöst zu werden – man weiß nie genau, ob er Schlagzeug spielt oder das Schlagzeug ihn. Er arbeitet unermüdlich und mit enormem Fingerspitzengefühl.“ Von der besonderen Erfahrung, wieder ganze Alben zu hören, haben wir ja bereits im ersten Newsletter geschrieben, hier haben Sie noch mal die Gelegenheit.

La fin.

Das war unser dritter Newsletter. Wir hoffen, es hat Ihnen gefallen. Wir freuen uns über Feedback, etwaiges Weiterempfehlen und auch über neue Abonnements. Tatsächlich wird sonst niemand von diesem Newsletter erfahren, da wir keine Werbung machen. Es bleibt also nur Ihre Empfehlung. Wie es so schön heißt: Subscribe now. Newsletter haben nachwievor etwas von Spam, Werbung, Nötigung. Leider, denn damit wollen wir nichts zu tun haben. In der ersten Ausgabe haben wir geschrieben, warum wir das Medium Email so toll finden. Nachlesen können sie das hier. Antworten und Feedback gerne an uns! Die Email zum lettre heißt: newsletter@kollektivindividualismus.de. Und im Internet kann man nach wie vor unsere Website besuchen, abhängen und staunen.

Wie immer: Bleiben Sie uns gewogen.

Bildcredits: © Felix Vieg © Jazzwax  © Felix Vieg © Felix Vieg © Felix Vieg


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