SdW #97 King Krule – Biscuit Town

SdW #97 King Krule – Biscuit Town

KING KRULE - BISCUIT TOWN

Soundtrack der Woche #97

Es ist dunkel und versifft. Aber das Bier am Tresen ist vergleichsweise erschwinglich für das in der Gentrifizierung steckende Südlondon. Lustlos und krumm dakauernd raucht Archy Marshall an einem der seitlichen Tische vor der verspiegelten Wand. Ein vereinsamter Ventilator dreht – viel zu langsam – seine Runden über der Theke. Er kommt nicht an gegen den jungen großgewachsenen Kettenraucher mit rotem Haar. Hier sinniert er über fiese Körpersekrete und überzieht das Thema Scheitern mit einem Hauch von Glamour. Marshall ist 23 Jahre alt und hat vor kurzem ein ziemlich wildes, zugleich meditatives und besorgtes Album herausgebracht. Es bewegt sich irgendwo zwischen Trip-Hop, Jazz und watteweichem R’n’B. Es ist sein zweiter Streich.

Zauberer von Oz

King Krule heißt der Zauberer von The Ooz – ein Außenseiter-Kunstwerk aufgestellt in der Ikea Bilderabteilung. So underground seine Musik auch ist, Beyoncé hat öffentlich ihre Bewunderung ausgestellt und Kanye West lud ihn ins Studio ein. Er lehnte ab. Seit dem 15. Lebensjahr schon schreibt er Songs und wurde bald verfolgt vom Erfolg seines Debütalbums. Schreibblockade, Depression und Beziehungsende. Plötzlich nicht mehr underground. Das alles raucht er auf Lunge und pustet es in grauen Ringen wieder zurück. Rückwärtsrotierend steigen sie auf und verfangen sich im Ventilator an der Decke. Marshall bestellt sein nächstes Bier. Seine Musik ist nun eine intensive Irrfahrt durch Marshall’s Unterbewusstsein geworden und er ist stolz drauf. Es ist ein Produkt seiner persönlichen Obsession, Ideenfetzen, halbverdaut und wieder hervorgewürgt als schlammige und doch beeindruckende Musik. King Krule ist eine Kreatur der Nacht, Kind der Bohème, Bariton, trauriges Wesen im traurigen Kapitalismus.

~ Entdecken Sie mehr Musik aus der Serie intelligente Endzeitmusik u.a. mit Kate Tempest und Loyle Carner ~

Es geht um Fake-News, Brexit, Zersplitterung der urbanen Kultur. Krule hält tapfer dagegen mit seiner etwas anderen Musik. King Krule ist eine ehrliche Inkarnation von Archy Marchall und auch das Projekt, welches ihn porträtiert – als jungen Mann gewöhnt an die Hässlichkeit der Außenwelt und seine eigene fragile Innenwelt.

Keks City

In Biscuit Town, N°1 auf seinem neuen Album, versinkt also dieser junge Herr in allen Wundersamkeiten, die derweil für junge Menschen bestehen: Liebesleid, Traum vom Idol, komplizierte und schöne Beziehungen, die vergebliche Suche nach Orientierung, hochaufgelöste hyperkomplexe Welt, Weltfrust, Eifersucht, Sehnsucht, Slacker – Nichtstuer, Drogen, der Geschmack von verschieden Mündern. Biscuit Town ist laidback-fast-schon Rap.

And now i’m caught off by the taste in her mouth
She whispers all about
She got a mystery man deep down south
And no more wheelers, dealers creeping about
At least none that she knows
From the way so much
‚Til I’m rolled up in the same old dutch
Need a touch forth of my libido
And now she steadily hitting speed cones
As we proceed to a street dome
In the body not a weak bone
A strong mind but she still got a side for a people
Not that she knows
That’s what he knows
In biscuit town
I seem to sink lower
In biscuit town
In biscuit town
In biscuit town

Schon in seinem Debütalbum 6 Feet Beneath The Moon verbindet er Einflüsse aus britischem Folk und Punk mit Rock, Hip-Hop, Dub und Garage. Dabei strömt seine Musik so zielsicher zusammen, als wäre es nie anders gedacht gewesen. Zu einem morbiden Fluss aus Punk, düsterem Folk und ausgebremsten Endzeit-Swing. E-Gitarren-Töne ziehen fragile Fäden, Jazz schimmert auf: Krule ist ein Crooner wie Jesper Munk, nur in fame. Ganz ungewollt (?) wurde er zu London’s neuem underground Posterboy gekrönt – als Abbild einer urbanen Dystopie, die für viele Menschen immer unverständlicher wird.

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Felix

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SdW #88 Mount Kimbie – Marilyn

SdW #88 Mount Kimbie – Marilyn

MOUNT KIMBIE - MARILYN

Soundtrack der Woche #88

Mount Kimbie bieten mit ihrem neuen Album eine bunte Pauschalreise durch Krautrock und Postpunk an. Das ist ein schönes Projekt, einfach mal querbeetein. Aber so richtig umhauen tut einen das Love What Survives irgendwie einfach nicht. Marilyn ist dennoch ein schöner Einblick in die Entwicklung des Duos, das zwischen LA und London arbeitet und mit Postdubstep bekannt wurde. Drei Jahre hat es gedauert, bis Kai Campos und Dominic Maker von Mount Kimbie ihr drittes Album tatsächlich fertig hatten. I prefer Made To Stray!

 

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Felix

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SdW #85 SOHN – Bloodflows

SdW #85 SOHN – Bloodflows

SOHN - BLOODFLOWS

Soundtrack der Woche #85

SOHN. Der charmante Herr mit der klaren, so wunderbaren, Stimme hat sich weiterentwickelt und tourt mittlerweile nicht mehr alleine und mit Kapuze in Schwarz, sondern mit Hut. Das tut gut. Er feiert seinen ganz eigenen Gottesdienst, dirigiert seine Begleitung und singt höher als seine Backgroundsängerin. Sehr gelungen. Soundtrack der Woche ist ein Stück aus seinem Debütalbum Tremors. Sohns Debütalbum begeisterte sowohl die Fachpresse als auch die Fans. Vergleiche mit James Blake und anderen Größen aus Post-Dubstep, Ambient, Alternative-R’n’B, oder welche Genrebezeichnung man auch verwenden mag, machten den Wahl-Wiener mit Londoner Wurzeln zum bekannten Geheimtipp.

Und so ist das neue Album Rennen

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Autor

Felix

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SdW #84: Romare – All Night

SdW #84: Romare – All Night

ROMARE - ALL NIGHT

Soundtrack der Woche #85

Archie Fairhurst, alias Romare, ist Meister des Zusammenklebens. Ebenso wie sein namensgebendes Vorbild, der afroamerikanische Künstler Romare Bearden, hat er in der Collage das Fundament seiner Kunst gefunden. Der Alte klebte mit Bildern, der Junge klebt Sounds. Mit Vorliebe Sounds aus der afroamerikanischen Kulturgeschichte: Jazz, Soul oder Sprachaufnahmen.

Zum Glück ist Romare auch noch DJ und so findet der House den Weg in seine Musik. Das Ergebnis ist ein unglaublich warmer, lässiger und lebendiger Club Sound. Lebendig, weil die eingestreuten Samples eine Geschichte erzählen, die die Monotonie des House durchbrechen. Gleiches gilt aber auch in die andere Richtung. Der House erhebt das zusammengeklebte Kunstwerk in die Sphären der Clubs.

Altes und Gegenwärtiges ergänzen sich perfekt. Kultur zum zuhören und das auf der Tanzfläche.

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Jan

Gründer | Karlsruhe

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SdW #84 Portico – 101

SdW #84 Portico – 101

PORTICO - 101

Soundtrack der Woche #83

Das ist Portico. Das Portico Quartet in „geschrumpfter“ Besatzung. Und plötzlich ziemlich weit entfernt von ihrer alten Musik, dem Jazz. Wie es dazu kam ist sehr kompliziert. Jedenfalls begannen Jack Wyllie, Duncan Bellamy und Milo Fitzpatrick damals noch mit Nick Mulvey ein Jazz Kollaborationsprojekt. Sie tauften es Portico Quartet und nahmen ein Album auf. Das funktionierte ziemlich gut. Ihr erstes gemeinsames Album Knee-Deep In The North Sea wurde 2007 unverzüglich für den Mercury Music Prize nominiert.

2011 verließ Gründungsmitglied Nick Mulvey die Band. 2013 verließ auch sein Nachfolger Keir Vine die Band, womit sie ihr damaliges Wahrzeichen verlor – das Hang. Der Rest befand zu dem Zeitpunkt dann sie wären „gone as far as they could” und nahm die künstlerische Krise zum Anlass für radikalen Wandel.

Living Fields ist ihr Debüt als Trio und das einzige Album, das sie aufnahmen. Mittlerweile ist nämlich Portico Quartet wieder alive und klingen auch sehr gut:

 

 

Nun damals haben sie sich eine neue Labelheimat zugelegt: Das Independent Haus Ninja Tune, welches wahnsinnig viele fantastische Künstler betreut. Dazu gehören Mr. Scruff, Romare, Young Fathers, Maribou State, Lapalux, Kate Temepst, Kamasi Washington, Howling, Helena Hauff, David August, Bonobo und The Cinematic Orchestra. Sick! Das neue Werk bewegt sich dann galant zwischen Electro, Pop, jazzigen Elementen und Ambient. Mit Jono McCleery, Jamie Woon und Joe Newman von alt-J treten außerdem drei bemerkenswerte Sänger auf. Joe Newman und Jack Wyllie wuchsen beispielsweise in derselben Straße in London auf und sind seitdem befreundet. Joe sagt: „I grew up listening to Portico and at Uni I introduced their music to a younger Alt-J.“

Geil: eine kleine Ninja Bonus Playlist:

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Autor

Felix

Gründer | Bayreuth